Neue Psychotherapie-Richtlinie 2017 (Seite 2/5)

Schnellerer Zugang zur ambulanten Psychotherapie angestrebt

Erreichbarkeit, Psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung

Telefonische Erreichbarkeit

Psychotherapeuten müssen in Zukunft sicherstellen, dass sie selbst oder ein Praxismitarbeiter für die Patienten zur Terminabsprache ausreichend telefonisch erreichbar sind. So müssen Psychotherapeuten mit vollem Versorgungsauftrag 200 Minuten pro Woche, Therapeuten mit halbem Versorgungsauftrag 100 Minuten telefonisch erreichbar sein. 

Was ist für Psychotherapeuten wichtig?

Die Therapeuten müssen ihre Zeiten telefonischer Erreichbarkeit der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung mitteilen.

Termin-Servicestellen

Seit Anfang 2016 gibt es die so genannten Termin-Servicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen. Sie starteten zunächst mit der Aufgabe, Patienten mit ärztlicher Überweisung innerhalb von vier Wochen einen Termin bei einem Facharzt vermitteln. 

Seit dem 1. April 2017 sind sie auch dazu verpflichtet, innerhalb von vier Wochen einen Termin für ein erstes Gespräch in der psychotherapeutischen Sprechstunde zu vermitteln. In diesem Fall ist keine Überweisung notwendig. Kann die Termin-Servicestelle innerhalb von vier Wochen keinen Termin vermitteln, muss sie dem Hilfesuchenden innerhalb einer weiteren Woche einen ambulanten Termin in einem Krankenhaus anbieten.

Darüber hinaus müssen die Termin-Servicestellen weitere, zeitnah notwendige Behandlungstermine vermitteln, die sich aus dem Erstgespräch ergeben. Sie vermitteln Termine für die Akutbehandlung aber nur dann, wenn der Therapeut diese empfohlen hat. 

Termine für probatorische Sitzungen für eine Kurz- oder Langzeittherapie werden von den Termin-Servicestellen nicht vermittelt.

Psychotherapeutische Sprechstunde

Psychotherapeuten müssen ab dem 1. April 2017 psychotherapeutische Sprechstunden anbieten. Dadurch sollen Hilfesuchende einen schnelleren Zugang zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung erhalten.

Orientierende Diagnostik und Ableitung des weitere Vorgehens

In der Sprechstunde soll geklärt werden, ob möglicherweise eine psychische Erkrankung vorliegt. Es wird eine orientierende Diagnostik durchgeführt und daraus das weitere Vorgehen abgeleitet. Der Therapeut soll beurteilen, ob bei der bestehenden Problematik Selbsthilfe- und Beratungsangebote ausreichen oder ob eine weitergehende psychotherapeutische Behandlung sinnvoll ist.

Im ersten Fall informiert er den Ratsuchenden, welche Selbsthilfe- und Beratungsangebote es gibt. Im zweiten Fall bespricht er mit ihm die vorläufige Diagnose und informiert über mögliche Behandlungen: etwa über die verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren, die Möglichkeit einer Einzel- oder Gruppen-Psychotherapie und ggf. über weitere Behandlungsmöglichkeiten wie die Einnahme von Psychopharmaka.

Wenn es erforderlich ist, kann auch eine kurze psychotherapeutische Intervention durchgeführt werden. Die Ergebnisse der Sprechstunde müssen dem Patienten neben der mündlichen Besprechung auch schriftlich mitgeteilt werden.

Gestaltung der Sprechstunden

Je nach Psychotherapeut kann die Sprechstunde als offene Sprechstunde (ohne Terminvergabe) oder als Sprechstunde mit vorheriger Terminvergabe angeboten werden. Hilfesuchende, die die Sprechstunde nutzen wollen, können sich direkt an einen Psychotherapeuten oder an die Termin-Servicestellen (siehe unten) der Kassenärztlichen Vereinigungen wenden. 

Bei Bedarf kann ein Patient bis zu sechs Sprechstunden-Termine (zu je 25 Minuten) in Anspruch nehmen. Zwei Sprechstunden-Termine können dabei auch zu einem Termin mit 50 Minuten zusammengelegt werden.

Ist eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll, kann der Patient sie beim gleichen Psychotherapeuten, bei dem er zur Sprechstunde war oder bei einem anderen Psychotherapeuten durchführen. Hat der Therapeut, der die Sprechstunde durchgeführt hat, keine freien Psychotherapie-Plätze, verweist er den Patienten an die Termin-Servicestellen weiter.

Sprechstunde als Voraussetzung für weitere Psychotherapie

Die psychotherapeutische Sprechstunde soll in Zukunft der Erstzugang zu einer Psychotherapie sein. Hier soll geklärt werden, ob eine Weiterbehandlung notwendig ist und wie sie aussehen soll.

Ab dem 1. April 2018 ist die psychotherapeutische Sprechstunde (mindestens 2 x 25 Minuten) Voraussetzung, um eine andere psychotherapeutische Behandlung (Akutbehandlung, Kurz- oder Langzeittherapie) zu beginnen.

Bis zum 31. März 2018 gilt eine Übergangsregelung: In dieser Zeit können Patienten eine Akutbehandlung beginnen oder probatorische Sitzungen für eine Kurz- oder Langzeittherapie in Anspruch nehmen, ohne vorher bei einer psychotherapeutischen Sprechstunde gewesen zu sein. 

Auch wenn Patienten nach einer psychischen Erkrankung aus einer stationären Behandlung im Krankenhaus oder einer Rehabilitations-Behandlung entlassen werden, können sie eine Akutbehandlung oder probatorische Sitzungen für eine Kurz- oder Langzeittherapie beginnen, ohne bei einer psychotherapeutischen Sprechstunde gewesen zu sein.

Was ist für Psychotherapeuten wichtig?

Jeder Psychotherapeut mit vollem Versorgungsauftrag (ganzem Praxissitz) muss in Zukunft vier psychotherapeutische Sprechstunden à 25 Minuten pro Woche anbieten. Psychotherapeuten mit halbem Versorgungsauftrag (halbem Praxissitz) müssen pro Woche zwei psychotherapeutische Sprechstunden à 25 Minuten anbieten. Es können aber von den Kassenärztlichen Vereinigungen regional abweichende Regelungen getroffen werden.

Die Psychotherapeuten müssen ihre Erreichbarkeit und die Form ihrer Sprechstunde (offen oder mit Terminvergabe) der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung mitteilen. Freie Termine sollen sie den Terminservicestellen (siehe unten) melden.

Akutbehandlung

Die Akutbehandlung soll in Zukunft Patienten unterstützen, bei denen ein sofortiger Behandlungsbedarf besteht und die ohne Unterstützung möglicherweise noch schwerer erkranken würden, in ein Krankenhaus eingewiesen werden müssten oder nicht mehr arbeitsfähig wären. Die Akutbehandlung kann sehr rasch nach der Sprechstunde beginnen. Sie kann aus bis zu 24 Einheiten zu je 25 Minuten bestehen.

Patienten, bei denen die Akutbehandlung nicht ausreicht, sollen während der Behandlung so stabilisiert werden, dass sie im Anschluss eine Psychotherapie beginnen oder in eine andere ambulante, teilstationäre oder stationäre Maßnahme wechseln können. Dabei gilt, dass die Stunden, die als Akutbehandlung durchgeführt wurden, von der Stundenzahl einer anschließenden Kurz- oder Langzeittherapie abgezogen werden.

Was ist für Psychotherapeuten wichtig?

Die Akutbehandlung muss nicht bei der Krankenkasse beantragt werden, sie muss ihr jedoch gemeldet werden.

Rückfall-Vorbeugung (Rezidiv-Prophylaxe)

Nach Abschluss einer Langzeittherapie kann in Zukunft eine Rückfall-Prophylaxe durchgeführt werden. Dadurch soll der Erfolg der Therapie gesichert und einem Rückfall vorgebeugt werden. Diese Stunden können bis zu zwei Jahre nach Abschluss der Langzeittherapie durchgeführt werden. 

Zu beachten ist, dass für die Rückfall-Prophylaxe die noch verbleibenden Therapiestunden einer Langzeittherapie genutzt werden. Das bedeutet, dass die zu Beginn der Therapie bewilligten Stunden entweder für die reguläre Therapie oder für die Rückfall-Prophylaxe genutzt werden müssen.

Bei einer Behandlungsdauer zwischen 40 und 59 Stunden können maximal 8 Stunden, bei einer Behandlungsdauer von 60 oder mehr Stunden maximal 16 Stunden für die Rückfall-Prophylaxe genutzt werden. 

Was ist für Psychotherapeuten wichtig?

Der Therapeut muss bereits im Antrag für die Langzeittherapie angeben, ob eine Rückfall-Prophylaxe durchgeführt werden soll und wie viele Stunden dafür vorgesehen sind. Weiterhin muss er das Ende der regulären Therapie (an die sich die Rückfall-Prophylaxe anschließt) der Krankenkasse melden.

Gruppen-Psychotherapie

Eine Gruppen-Psychotherapie gilt in Zukunft als gleichwertige Behandlungsform zu einer Einzeltherapie. Sie soll bei der Auswahl der geeigneten Behandlungsform verstärkt berücksichtigt werden. Der Therapeut soll bei jedem Patienten entscheiden, ob für ihn eine Einzeltherapie, eine Gruppentherapie oder eine Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie am geeignetsten ist und dies auch mit dem Patienten besprechen und abstimmen. 

In Zukunft ist eine Gruppentherapie ab einer Teilnehmerzahl von drei Personen möglich. Dadurch soll das Zustandekommen einer Gruppentherapie erleichtert werden und gleichzeitig ein Anreiz geschaffen werden, Gruppen-Psychotherapien durchzuführen. Maximal können in einer Gruppe neun Patienten behandelt werden.  

Nimmt ein Patient sowohl an einer Einzel- als auch an einer Gruppentherapie teil, können beide von verschiedenen Therapeuten durchführt werden. In diesem Fall müssen beide Therapeuten einen Gesamtbehandlungsplan erstellen. Wenn der Patient zustimmt, müssen sie sich zudem während der Therapie regelmäßig über den Therapieverlauf austauschen.

Bisher war in der Verhaltenstherapie eine Gruppe schon ab zwei Personen möglich, in der tiefenpsychologischen Therapie und der Psychanalyse dagegen erst ab sechs Teilnehmern.

Was ist für Psychotherapeuten wichtig?

Will ein Therapeut bei einer Kurzzeittherapie die Behandlung von einer Einzel- zu einer Gruppentherapie ändern, muss er dies in Zukunft nur noch der Krankenkasse anzeigen. Bei einer Langzeittherapie muss für diese Änderung weiterhin ein Antrag geschrieben werden, der von einem Gutachter genehmigt werden muss.