Wie lassen sich Wartezeiten bei der Therapieplatzsuche kürzen?

Befragung der Bundestagsparteien zur Verbesserung der Psychotherapeutischen Versorgung

01.09.2013 Von Ulrike Propach und Mathias Petri

Der Verband Pro Psychotherapie e.V. möchte mit diesen Wahlprüfsteinen von den an der Bundestagswahl 2013 teilnehmenden Parteien wissen, wie sie die in Deutschland seit Jahren bestehende Unterversorgung im Bereich Psychotherapie zukünftig beheben möchten:

Zahlreiche unabhängige Studien und Forschungsarbeiten aus den vergangenen Jahren zeichnen für Deutschland wiederholt ein sehr ähnliches Bild: es besteht eine strukturell bedingte therapeutische Unterversorgung von Menschen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen. Gleichzeitig nimmt der Bedarf an Psychotherapie seit Jahren kontinuierlich zu.

Arbeitsausfall und Kosten von psychischen Erkrankungen

  • Zunahme der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen in Deutschland von knapp 23 Millionen im Jahr 2000 auf gut 59 Millionen in 2011.
  • Psychische Erkrankungen waren mit 14,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeits-Tage 2012 erstmals die zweitwichtigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit in Bezug auf die Höhe des Arbeitsausfalls.
  • Eine Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Leiden dauert mit durchschnittlich 39 Tagen am längsten.
  • Im Jahr 2002 betrugen die direkten Kosten für die Behandlung psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen in Deutschland rund 22,4 Mrd. Euro. Mittlerweile geben Arbeitgeber und Versicherungen pro Jahr 27 Milliarden Euro für die Behandlung seelischer Störungen aus.

Psychotherapeutensitze und ihre Verteilung

Obwohl der tatsächliche Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung über die Jahre erwiesenermaßen deutlich zugenommen hat, ist das Angebot an Therapieplätzen bei niedergelassenen psychologischen Psychotherapeuten unverändert auf dem Niveau von 1999 stehen geblieben und basiert dieses auf einer recht fragwürdigen Vereinbarung: Die Zahl der niedergelassenen Psychotherapeuten zum Stichtag 31.8.1999 gilt seitdem als Bedarf. Weder zum Zeitpunkt der Festlegung noch danach orientierte sich die Gesamtzahl der Sitze als auch ihre regionale Verteilung am tatsächlichen Bedarf, dem Krankenstand.

  • Anzahl der Kassensitze von Psychologischen Psychotherapeuten: ca. 9.000
  • In Großstädten wird mit 39 in ländlichen Kreisen hingegen nur mit 6 Psychotherapeuten je 100.000 Einwohner geplant, obwohl sich die Häufigkeit der psychischen Erkrankungen während zwölf Monaten deutlich geringer unterscheidet: 34,1% in Großstädten und 26,3% in ländlichen Kreisen.
  • Jährlich schließen etwa 1.600 Psychotherapeuten ihre Ausbildung ab und möchten sich im Kassensystem etablieren.
  • Allerdings wird nur dann ein Kassensitz frei, wenn niedergelassene Psychotherapeuten in den Ruhestand gehen.
  • In Berlin bewerben sich bis zu 400 Interessierte auf einen Kassensitz.
  • Es werden teilweise sehr hohe Übernahmegebühren für einen Sitz bezahlt.
  • Die Wartezeit auf einen Kassensitz beträgt derzeit etwa fünf Jahre.

Behandlungsbedarf

Die aufgezeigten strukturellen Missstände führen dazu, dass den laut Bundespsychotherapeutenkammer mindestens fünf Millionen Deutschen, die an einer psychischen Krankheit leiden, derzeit höchstens 1,5 Millionen Behandlungsplätze gegenüberstehena) und nur wenige Betroffene rechtzeitig eine angemessene Behandlung erhalten:

  • Rund 30% der deutschen Bevölkerung durchleiden einmal im Jahr eine psychisch bedingte Störung und benötigten somit psychotherapeutische Hilfe.
  • Im Schnitt warten Hilfesuchende drei Monate auf ein Erstgespräch bei einem nieder-gelassenen Psychotherapeuten. Im ländlichen Raum i.d.R. noch deutlich länger.
  • Nur ein Drittel der Betroffenen erhält überhaupt Hilfe - Nur zehn Prozent der Betroffenen erhalten eine angemessene Hilfe.
  • Immerhin 20 Prozent der Hilfesuchenden sagten, dass ihnen die durchgeführte Psychotherapie nicht geholfen hat.

Das unzureichende psychotherapeutische Angebot und das Fehlen von Aufklärung über konkrete Krankheitsbilder und hilfreichen Informationen zum  Angebot führten häufig zum Scheitern bei der Therapieplatzsuche oder einem Therapieabbruch. Neben der mangelhaften Ausstattung verschlechtern also systembedingte Fehlsteuerungen und Ineffizienzen die Versorgungslage der Hilfesuchenden zusätzlich.