Impulskontrollstörungen (Seite 6/10)

Zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung

Definition nach ICD-11

Menschen mit einer zwanghaften sexuellen Verhaltensstörung haben wiederholt intensive sexuelle Gedanken, Impulse oder Triebe, die sie nicht kontrollieren können. Das führt zu wiederholten sexuellen Aktivitäten, die so stark in den Mittelpunkt des Lebens geraten und so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass die Betroffenen andere Lebensbereiche vernachlässigen: ihre Gesundheit, ihre Körperpflege, Interessen, Aktivitäten und Verantwortlichkeiten – etwa im beruflichen oder privaten Bereich. Sie bemühen sich immer wieder ohne Erfolg, das exzessive Sexualverhalten zu kontrollieren oder deutlich zu reduzieren. Außerdem setzen sie das Verhalten trotz negativer Konsequenzen fort – selbst dann, wenn es zu wenig oder keiner sexuellen Befriedigung führt.

Bei dem sexuellen Verhalten kann es sich um exzessive Masturbation, intensive sexuelle Phantasien, häufigen Sex mit einem Partner, ausgeprägtes, möglicherweise ungeschütztes promiskuitives Verhalten – also Sex mit häufig wechselnden Sexualpartnern – oder die intensive Nutzung von Pornographie, Telefon- oder Cybersex handeln. Am häufigsten berichten Betroffene über exzessives Masturbieren und die häufige Nutzung von Pornographie.

Die Probleme bestehen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten und führen zu ausgeprägtem Leiden oder deutlichen Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen, etwa im persönlichen Bereich, bei den zwischenmenschlichen Beziehungen oder im beruflichen Bereich. Der Leidensdruck entsteht dabei nicht allein dadurch, dass jemand aus moralischen Gründen eine ablehnende Einstellung gegenüber Sexualität hat.
Andere Begriffe für die Störung sind pathologisches Sexualverhalten, Sexsucht oder Hypersexualität.

Häufigkeit, Beginn, Verlauf und Komorbiditäten

Weil die Störung in den internationalen Diagnosesystemen relativ neu ist, gibt es bisher wenig verlässliche Daten zur Häufigkeit. Es wird geschätzt, dass etwa fünf bis sechs Prozent der Menschen im Lauf ihres Lebens an einer zwanghaften sexuellen Verhaltensstörung leiden. Bei Männern tritt sie häufiger auf als bei Frauen. Bisher ist wenig darüber bekannt, wann die Störung beginnt, wie ihr Verlauf ist und welche andere psychischen Erkrankungen häufig gleichzeitig auftreten.

Wie entsteht die Erkrankung?

Manche, insbesondere psychoanalytische Fachleute nehmen an, dass die Betroffenen in der Kindheit zu wenig Nähe und Zuneigung erfahren haben und später versuchen, dies durch übermäßige Sexualität auszugleichen.
Auslöser der sexuellen Gedanken, Impulse und des Verhaltens kann eine positive Stimmung wie Freude oder Euphorie sein, aber auch negative Gefühle wie eine traurige oder depressive Stimmung, Angst, Langeweile, Gereiztheit oder Einsamkeit. Die sexuellen Aktivitäten könnten dann dazu beitragen, die negativen Gefühle vorübergehend zu verdrängen und nicht mehr zu spüren.

Abgrenzung zu normalem sexuellem Verlangen

Bei der Einordnung als Diagnose sollte berücksichtigt werden, dass ein ausgeprägtes sexuelles Verlangen oder Verhalten nicht unbedingt krankhaft ist und dies nicht unbedingt heißt, dass jemand eine zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung hat. So sind Sexualität und das Verlangen nach Sex normale Teile des menschlichen Lebens. Das sexuelle Verlangen kann dabei je nach individuellen Bedürfnissen, Alter, Geschlecht und der Lebenssituation sehr unterschiedlich sein.

Eine zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung sollte nur diagnostiziert werden, wenn jemand über längere Zeit die Kontrolle über sein sexuelles Verlangen oder Verhalten verliert, unter den sexuellen Impulsen oder dem Verhalten leidet und dadurch in verschiedenen Lebensbereichen beeinträchtigt ist.