Impulskontrollstörungen (Seite 7/10)
Pathologischer Jähzorn
Definition Intermittierende explosible Störung nach ICD-11
Menschen mit dieser Störung erleben wiederholt aggressive Impulse, die sie nicht unterdrücken oder nicht angemessen kontrollieren können. Dadurch kommt es immer wieder zu kurzen Episoden, in denen sie verbal oder körperlich aggressiv sind. Dabei können Menschen oder Tiere verletzt oder Gegenstände zerstört werden, das muss aber nicht der Fall sein. Das aggressive Verhalten ist nicht geplant und dient keinem Zweck oder längerfristigem Ziel – etwa, an Geld zu kommen oder Macht zu demonstrieren. Der aggressive Ausbruch ist dabei im Verhältnis zum Auslöser – zum Beispiel einer vermeintlichen Provokation oder einem Ereignis, das Stress auslöst – sehr heftig.
Menschen mit einer intermittierenden explosiblen Störung werden zum Beispiel verbal aggressiv, zerstören Dinge, greifen andere Menschen körperlich an oder neigen zu Raserei im Straßenverkehr. Es kann auch sein, dass sich die aggressiven Impulse gegen sie selbst richten und sie sich selbst verletzen oder Suizidversuche begehen.
Kurz vor und während der aggressiven Episode erleben sie oft körperliche Symptome einer erhöhten Anspannung, etwa Herzklopfen, angespannte Muskeln oder ein Druckgefühl im Kopf oder in der Brust. Unmittelbar nach dem Ausbruch haben sie häufig Scham- oder Schuldgefühle.
Die aggressive Impulse und das Verhalten sind so stark ausgeprägt, dass die Person deutlich darunter leidet und es zu einer deutlichen Beeinträchtigung in verschiedenen Lebensbereichen kommt. So haben die Ausbrüche oft negative Folgen, etwa in den Beziehungen zu anderen Menschen, im finanziellen Bereich oder durch strafrechtliche Konsequenzen. Das kann für die Betroffenen sehr belastend sein. Oft empfinden sie auch die unbeherrschbaren aggressiven Ausbrüche selbst als psychisch belastend.
Die Symptome lassen sich nicht besser durch eine andere psychische Störung, Verhaltensstörung oder eine mentale Entwicklungsstörung erklären. Wichtig ist, die Erkrankung von einer Störung mit chronischer Wut und Reizbarkeit zu unterscheiden. Die Betroffenen haben bereits seit ihrer Kindheit – vor dem Alter von 10 Jahren – eine anhaltende negative Stimmung, sind reizbar und haben immer wieder schwere Wutausbrüche. Im Gegensatz dazu haben Menschen mit intermittierender explosibler Störung zwischen den aggressiven Ausbrüchen Phasen mit normaler Stimmung.
Andere Begriffe für die Störung sind Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit (in der ICD-10) oder pathologischer Jähzorn.
Häufigkeit, Beginn, Verlauf und Komorbiditäten
Studien zufolge leiden etwa drei bis sieben Prozent der Bevölkerung an einer intermittierenden explosiblen Störung – sie kommt also relativ häufig vor. Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen. Die Störung beginnt meist in der Jugend, bei Männern früher als bei Frauen. Die Symptome können anhaltend immer wieder auftreten. Sie können aber auch nur in bestimmten Phasen auftreten, zwischen denen Zeiträume ohne aggressive Ausbrüche liegen. In vielen Fällen gehen die aggressiven Impulse und Ausbrüche mit zunehmenden Alter zurück.
Neben den oben beschriebenen psychischen Erkrankungen können die Betroffenen auch an weiteren Impulskontrollstörungen leiden.
Wie entsteht die Erkrankung?
Studien haben gezeigt, dass genetische Faktoren eine Rolle dabei spielen, wie stark jemand zu Aggressionen neigt. Andere Untersuchungen legen nahe, dass bei einer intermittierenden explosiblen Störung eine Störung des Botenstoffs Serotonin im Gehirn vorliegen könnte. Auch erhöhte Werte des Hormons Testosteron können die Neigung zu Aggressivität erhöhen. Weiterhin könnten anatomische Veränderungen im Gehirn, etwa im Stirnhirn und der Amygdala, die Neigung zu aggressiven Verhalten erhöhen.
Was psychische und soziale Aspekte betrifft, könnten Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend dazu beitragen, dass jemand später eine intermittierende explosible Störung entwickelt.