Störungen der Impulskontrolle
Handeln gegen den eigenen Willen
08.07.2025 Von Dr. Christine Amrhein
Auf einen Blick
- Bei einer Störung der Impulskontrolle treten starke, ungewollte Impulse auf. Sie führen zu Handlungen, die den Betroffenen selbst oder anderen Menschen schaden.
- Zu den Störungen der Impulskontrolle gehören pathologische Brandstiftung, pathologisches Stehlen, eine Störung mit exzessivem Sexualverhalten und eine Störung mit plötzlichen aggressiven Ausbrüchen.
- Über die Wirksamkeit von Therapien ist bisher wenig bekannt. Oft werden Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie eingesetzt, die mit Medikamenten kombiniert werden können. Auch Psychoedukation, Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen könnten hilfreich sein.
Fallbeispiel Kleptomanie
Immer wieder kann Monika (Name geändert) dem Drang nicht widerstehen: Sie geht in Kleidungsläden und steckt dort heimlich Unterwäsche, Tücher oder Schals ein. Die gestohlenen Dinge braucht sie eigentlich nicht und hortet sie zuhause im Schrank. Immer wieder spürt sie den intensiven Drang, etwas „mitgehen zu lassen“, obwohl sie weiß, dass das nicht erlaubt ist und sie erwischt werden kann. Vor und während der Tat ist sie sehr aufgeregt, hat Herzklopfen und schwitzt stark. Wenn sie den Laden verlassen hat, empfindet sie Freude und Erleichterung. Doch bald stellen sich Schuldgefühle ein und sie nimmt sich vor, in Zukunft alles zu tun, um keine weiteren Diebstähle zu begehen.
Fallbeispiel Pyromanie
Rainer (Name geändert) war schon als Kind fasziniert von Feuer. Als Jugendlicher arbeitet er in der freiwilligen Feuerwehr mit. Als er 19 Jahre alt ist, fährt er abends nach einem Treffen mit Freunden alleine ziellos durch die Gegend. Dann passiert es: Er kann der Versuchung nicht widerstehen und setzt eine Heuhütte auf einer Wiese in Brand. Als er sieht, wie die Flammen lodern und schließlich alles zusammenbricht, ist er fasziniert und euphorisch. Hinterher bereut er seine Tat. Er wird als Täter überführt und zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten verurteilt. Um sich seine Zukunft nicht zu verbauen, nimmt er sich fest vor, kein Feuer mehr zu legen. Doch einige Zeit später, als er frustriert ist und sich langweilt, zündet er auf dem Gelände seiner Firma einen Bretterstapel an. Es entsteht großer Sachschaden.
Was sind Impulskontrollstörungen?
Typisch für Störungen der Impulskontrolle ist, dass jemand immer wieder starke Impulse empfindet, etwas zu tun, was sie oder er aus vernünftiger Sicht nicht tun möchte. Wegen der Impulse tun die Betroffenen Dinge, die für sie selbst oder für andere Menschen schädlich sind. Sie können die Impulse aber mit ihrem Willen nicht oder nur schwer unterdrücken, obwohl sie das oft versuchen. Daher spricht man auch von einer Störung der Selbstkontrolle.
Impulsives Verhalten kann sehr vielfältig sein und bei verschiedenen psychischen Erkrankungen vorkommen. Es kann zum Beispiel impulsives Kaufen, Essen, Spielen, Haareausreißen, Nägelkauen oder Selbstverletzungen umfassen. In den internationalen Diagnose-Systemen werden aber nur wenige Störungsbilder zu den Störungen der Impulskontrolle gerechnet.
Exkurs: Änderungen zwischen ICD-10 und ICD-11
In der bisherigen, 10. Version der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ (ICD-10) zählten zu den Impulskontrollstörungen:
- pathologisches Glücksspiel
- pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
- pathologisches Stehlen (Kleptomanie)
- zwanghaftes, pathologisches Haareausreißen (Trichotillomanie)
- unter sonstige Störungen der Impulskontrolle: Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit (nicht näher definiert)
Diese Einteilung wurde in der neuen, überarbeiteten Version der ICD, der ICD-11, geändert. Pathologisches Glücksspiel wird nun zur neuen Kategorie der Verhaltenssüchten gerechnet, da es sich aus Sicht von Experten eher um eine Sucht handelt. Trichotillomanie wird jetzt zu den Zwangsstörungen gezählt, da es sich dabei aus Sicht von Experten eher um zwanghaftes Verhalten handelt. Neu in die ICD-11 wurden die Diagnosen zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung und intermittierende explosible Störung aufgenommen.
In diesem Artikel wird auf die psychischen Störungsbilder nach der ICD-11 eingegangen.
Definition der Impulskontrollstörungen nach ICD-11
Eine Störung der Impulskontrolle liegt laut ICD-11 vor, wenn jemand wiederholt versucht, einem starken Impuls, Antrieb oder Drang zu widerstehen, eine bestimmte Handlung durchzuführen, das aber immer wieder nicht schafft.
Bei den Handlungen kann es sich um Brandstiftung, Diebstahl, sexuelles Verhalten oder plötzliche aggressive Ausbrüche handeln. Die Handlung ist für die Betroffenen kurzfristig belohnend, führt aber auf längere Sicht zu negativen Folgen für sie selbst oder andere Menschen.
Typisch ist eine starke, steigende Anspannung und Erregung vor dem Verhalten, aber auch, wenn die Person versucht, das Verhalten zu unterdrücken. Diese führen dann zu dem impulshaften Verhalten. Die Anspannung kann auch körperlich spürbar sein, etwa durch starkes Herzklopfen, Schwitzen oder innere Unruhe. Während und kurz nach dem Verhalten spüren die Betroffenen Vergnügen, Nervenkitzel, Befriedigung oder eine abnehmende Anspannung.
Mit zunehmender Dauer der Erkrankung können diese Gefühle aber weniger stark ausgeprägt sein. Nach dem Verhalten können Scham- und Schuldgefühle auftreten, das muss aber nicht der Fall sein. Die wiederholten Impulse und die wiederholten Versuche, das Verhalten zu unterdrücken, führen bei den Betroffenen zu ausgeprägtem Leiden und / oder erheblichen Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen, etwa im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen oder beruflichen Bereich.
So schämen sie sich häufig für ihre Impulse und Handlungen, haben Schuldgefühle und verheimlichen die Störung vor anderen Menschen. Viele fühlen sich niedergeschlagen und verzweifelt, weil sie nicht wissen, wie sie das Problem in den Griff bekommen können.
Auch dadurch, dass einige der Handlungen strafrechtliche Konsequenzen haben können, kann ein großer Leidensdruck entstehen. Auch das kann zu Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebensbereichen führen, etwa zu Problemen im Beruf wegen einer Gefängnisstrafe. Das impulsive Verhalten kann von Mensch zu Mensch unterschiedlich häufig auftreten: von täglich bis zu wenigen Episoden im Jahr.
Experten gehen davon aus, dass bei einer Störung der Impulskontrolle nicht nur spontanes, unbedachtes und unkontrollierbares Verhalten auftritt, sondern dass dabei auch ein gewisser Wunsch nach Vergnügen und Nervenkitzel eine Rolle spielen kann.
Zu den Störungen der Impulskontrolle gehören nach der ICD-11:
- pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
- pathologisches Stehlen (Kleptomanie)
- zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung
- intermittierende explosible Störung