In der Bundesrepublik Deutschland wird traditionell viel Wert auf Arbeit gelegt – die aktuellen politischen Erfahrungen zu Opel und Arcandor in den Umfragen aber zeigen, dass die Bundesbürger mittlerweile von der Politik nicht mehr erwarten, dass Arbeitsplätze um jeden Preis gestützt werden müssen. Derzeit sind ca. 40 Millionen Deutsche erwerbstätig, davon zehn Prozent als Selbstständige. Nach den jüngsten Prognosen der Deutschen Bank könnten zum Jahreswechsel 2010 ca. fünf Millionen Bundesbürger ohne Arbeitsplatz sein – das würde bedeuten, dass jeder achte erwerbsfähige Bundesbürger erwerbslos ist.
Die Zahlen seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise sprechen eine klare Sprache: Zwischen November 2008 und März 2009 ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von 2,99 auf 3,59 Mio. gestiegen. Darüber hinaus fahren immer mehr Unternehmen Kurzarbeit, Arbeitsplätze sind bedroht und die freien Stellen auf dem Arbeitsmarkt werden immer umkämpfter. Der SPIEGEL titelte Prognose für 2009: Deutschland droht Fünf-Prozent-Rezession: »Die Prognosen für einen Einbruch der deutschen Wirtschaft nähern sich der Fünf-Prozent-Marke. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) senkte seine Vorhersage auf ein Minus von 4,8 Prozent. [...] Die Exporte dürften sogar um 18 Prozent einbrechen. …. Der Arbeitsmarkt könnte vorerst etwas verschont bleiben, da die Kurzarbeit noch abfedernd wirke. [...] „Ende 2010 werden nur noch 39 Millionen Personen beschäftigt und 4,5 Millionen als Arbeitslose registriert sein“, erklärten die Hallenser Forscher.« (SPIEGEL Online, 17. März 2009)
Schon Ende vergangenen Jahres hielt der Chef der Bundesagentur für Arbeit vier Millionen Arbeitslose für möglich: »Angesichts der Wirtschaftskrise sagt der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, einen deutlichen Anstieg der Arbeitslosenzahlen für 2009 vorher. Ab der zweiten Jahreshälfte sind nach heutigem Stand 3,6 Millionen möglich. In einem besonders schlechten Monat könnte auch die Zahl von vier Millionen Arbeitslosen in Sichtweite geraten.« (Welt online, 13. Dezember 2008)
Die Entstehung von Massenarbeitslosigkeit (siehe Hintergrundmaterial zur Entstehung von Massenarbeitslosigkeit) ist in erster Linie ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und Problem - die Last der Bewältigung der Folgen von Arbeitslosigkeit wird aber zu oft den einzelnen Betroffenen und ihren Angehörigen aufgebürdet.
Martin L. aus K. kennt sich selbst kaum wieder, fragt sich nicht nur, was wird aus mir, sondern wundert sich, was geschieht da mit mir. Nach seinem Studium hatte er problemlos mehrere Stellen gefunden, zunächst als Praktikant oder Trainee, dann einen befristeten Job und schließlich eine feste Anstellung. Zwar war die Bezahlung nicht überragend, aber er war mit seinen Aufgaben und den Projekten sehr zufrieden und glücklich darüber, vielfältige Erfahrungen im Arbeitsleben zu machen. Plötzlich kam die Nachricht, dass die Auftragslage zu Entlassungen führen würde und man zunächst die Stellen der Mitarbeiter mit Familie erhalten wolle. Da stand Martin L. ohne Job da. Anfangs machte er sich kaum Sorgen, bereits in den letzten Wochen seiner Beschäftigung eine neue Stelle zu finden - jung, engagiert, gut qualifiziert. Inzwischen ist sein Anspruch auf Arbeitslosenunter-stützung bald zu Ende und noch immer hat er keine neue Arbeit gefunden. Martin L. leidet vor allem unter dem Gefühl, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen, dass er seine Situation nicht selbst verschuldet hat. Zudem hat er das Gefühl, in seinem Umfeld kursiere die Meinung, er habe zu hohe Ansprüche an einen Arbeitsplatz.
Die psychischen Folgen für die Betroffenen und ihre Familien sind gravierend: »Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit zeigen Arbeitslose regelmäßig "sehr unglücklich": Unglücklicher noch als Menschen, die eine Scheidung hinter sich haben«, schreibt Uwe Blien in seinem Essay über Arbeitslosigkeit in Das Parlament. Denn Erwerbsarbeit hat in Arbeitsgesellschaften eine integrierende Wirkung, die weit über das reine Geldverdienen hinausgeht. Der Verlust des Arbeitsplatzes geht in der Regel einher mit dem Verlust von
Darüber hinaus gilt heute auf Grundlage von Metaanalysen und Längsschnittstudien als gesichert, dass Erwerbslosigkeit zu psychischen Beeinträchtigungen, insbesondere Depressionen, führt. Dabei haben vor allem die Dauer der Erwerbslosigkeit sowie eine schlechte finanzielle Lage einen negativen Einfluss auf den psychischen Zustand. Die psychischen Beeinträchtigungen erschweren mit zunehmender Dauer eine Rückkehr in die Erwerbsarbeit. Aus diesem Wissen lassen sich die zentralen Ansatzpunkte für Interventionen ableiten. Insbesondere gilt es,
Die Reduzierung finanzieller Mittel erhöht zwar den (Bewerbungs-)Druck auf die betroffene Person, stärkt aber auf keinen Fall die psychischen Ressourcen. Forschungsergebnisse zeigen, dass sich die psychischen Ressourcen von Erwerbslosen darüber hinaus immer mehr verringern, wenn
die Arbeitsorientierung zu sehr forciert wird,
Derartige Maßnahmen bereinigen kurzfristig die Arbeitslosen-Statistiken, führen aber mittel- und langfristig zu gesellschaftlichen Kosten vor allem im Gesundheitswesen.
Eine genauere Betrachtung der Interventionsmaßnahmen zeigt, dass Aktivitäten zur Verbesserung der Bewerbungsqualität sich als sehr viel effektiver erwiesen haben als meist teurere allgemeine fachliche Qualifizierungen oder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.
Ist hingegen der Wiedereinstieg auf eine passende Arbeitsstelle geglückt, lässt sich rasch eine deutliche Verbesserung der seelischen Gesundheit nachweisen.
Lesen Sie hier mehr zum Thema:
1. A PuZ 40-41/2008 29. September 2008: Arbeitslosigkeit: Psychosoziale Folgen
2. Kieselbach, T. (1994). Arbeitslosigkeit als psychologisches Problem - auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. In L. Montada (Hrsg.), Arbeitslosigkeit und soziale Gerechtigkeit (ADIA-Stiftung zur Erforschung neuer Wege für Arbeit und soziales Leben, Bd. 2) (S.233-263). Frankfurt/M.: Campus
3. André Büssing: Arbeitslosigkeit - Differentielle Folgen aus psychologischer Sicht. In: Arbeit, Heft 1, Jg. 2 (1993) S. 5 - 19
4. Die im Text selbst schon genannten Zeitungsartikel zu den Prognosen bzgl. der Wirtschaftskrise