Besser spät als nie – Besonderheiten und Therapie psychischer Störungen im Alter

Autorin: Dr. Christine Amrhein für Pro Psychotherapie e.V.

 

Alten Menschen wird häufig nachgesagt, dass sie mit der Zeit immer „seltsamer“, „sonderbarer“ oder sogar „verrückter“ werden. Das ist natürlich nicht bei allen älteren Menschen der Fall – und gewisse Marotten und Eigenheiten deuten auch nicht unbedingt auf eine psychische Störung hin.

Psychische Störungen im Alter: häufig nicht erkannt und nicht fachgerecht behandelt

Viele ältere Menschen leiden – ebenso wie jüngere – an psychischen Problemen. Bei den über 65-Jährigen sind etwa 25 Prozent von psychischen Erkrankungen betroffen. Dabei ist etwa die Hälfte der Erkrankungen leicht ausgeprägt, die andere Hälfte so schwer, dass eine  Behandlung erforderlich ist. Oft aber werden psychische Störungen bei Menschen im höheren Lebensalter gar nicht erst erkannt, da Ältere häufig eine größere Scheu haben, sich gegenüber dem Arzt oder Angehörigen offen mitzuteilen, sei es aus  Angst, stigmatisiert oder für verrückt erklärt zu werden oder sie glauben, sich zusammenreißen zu müssen. In vielen Fällen verbergen sich die seelischen auch  hinter körperlichen Problemen. Manche haben bereits eine langjährige Krankheitsgeschichte hinter sich, andere entwickeln im höheren Alter zum ersten Mal psychische Symptome oder sogar eine psychische Erkrankung.

Im Großen und Ganzen ähneln die Symptome psychischer Erkrankungen bei älteren Menschen denen jüngerer Erwachsener. Auch die Behandlungsansätze unterscheiden sich meist nicht wesentlich. Trotzdem werden psychische Erkrankungen bei Älteren häufig nicht fachgerecht behandelt, weil z.B. Hausärzte die Signale nicht erkennen oder aber sehr schnell Psychopharmaka verschreiben.

„Nach einer Untersuchung der Gmünder Ersatzkasse nimmt spätestens ab 60 Jahren die Häufigkeit von Psychotherapien steil ab, ab 75 Jahren werden diese kaum noch in Anspruch genommen, obwohl sie auch im höheren Alter wirksam sind.“ Bestätigt werden diese Ergebnisse von einer Studie zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung älterer Menschen durch niedergelassene Psychotherapeuten. Hier waren nur 5% der Patienten über 60 Jahre alt - bei einem Bevölkerungsanteil von 20%. 90% der befragten Psychotherapeuten sagten, dass sie keinen einzigen Klienten über 60 Jahre behandeln.

Psychotherapie erhöht auch im Alter die Lebensqualität der Betroffenen

Lange Zeit wurden Wissenschaft und Gesellschaft von dem Bild geprägt, dass Älterwerden quasi automatisch mit einem allgemeinen Niedergang der körperlichen, geistigen und psychischen Fähigkeiten verbunden sei. Viele wissenschaftliche Studien haben dieses falsche Bild des sog. „Defizitmodells“ mittlerweile korrigiert. So kommt z.B. die „Baltimore Longitudinal Aging Study“ zu dem Ergebnis, dass Altern nicht auf allgemeine Art mit dem Verlust von psychischen und physischen Fähigkeiten einhergeht, sondern ein sehr individueller Prozess ist.

Zahlreiche neuere wissenschaftliche Erhebungen zeigen, dass alternde Menschen, das Älterwerden positiver wahrnehmen, wenn sie ihr Leben weiterhin möglichst lange aktiv und selbstbestimmt gestalten können. Grundlage eines solchen „selbstbestimmten“ Älterwerdens ist das Erhalten bzw. Wiederlangen der Gesundheit, auch der seelischen.

Auch im höheren Lebensalter lohnt es sich also „noch“, sich bei psychischen Problemen professionelle Hilfe zu suchen. Allerdings gibt es im höheren Lebensalter einige Besonderheiten, auf die in diesem Artikel näher eingegangen wird.

Welche Belastungen bringt das höhere Lebensalter mit sich?

Eine Besonderheit des höheren Lebensalters ist, dass ältere Menschen häufiger und länger krank sind als jüngere und oft unter mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden. Die psychischen Belastungen, die mit dem Kranksein verbunden sind, können das Auftreten einer psychischen Störung begünstigen.

Weiterhin müssen ältere Menschen mit ganz unterschiedlichen Verlustsituationen zurechtkommen. So nehmen die körperliche Gesundheit, die körperliche Attraktivität und körperliche und geistige Fähigkeiten (wie Sehen, Hören, Merkfähigkeit, geistige Schnelligkeit) mit zunehmendem Alter allmählich ab – es kann aber auch sein, dass unerwartet eine schwere Krankheit entdeckt wird. Auch der Tod nahestehender Menschen und der Austritt aus dem Berufsleben sind Verluste, mit denen ältere Menschen zurechtkommen müssen. Darüber hinaus fehlen im höheren Alter oft neue Ziele und Zukunftspläne. Gerade nach einschneidenden Verlusterlebnissen kommt es häufig zur Entwicklung einer psychischen Störung.

Welche psychischen Störungen treten im höheren Alter auf?

Die häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter sind Depressionen und Demenz. Außerdem treten hier häufig Angststörungen, Schlafstörungen und der Missbrauch von Alkohol und Medikamenten auf. Manien und schizophrene bzw. wahnhafte Störungen kommen im höheren Alter dagegen eher selten vor.

Welche Besonderheiten sind bei psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter zu beachten?

Ein Problem bei der Diagnostik psychischer Erkrankungen ist, dass ältere Menschen häufig an vielfältigen körperlichen Erkrankungen leiden. Außerdem lassen ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten allmählich nach, es kommt zu einer Verlangsamung und geringeren geistigen Umstellungsfähigkeit. Diese Veränderungen machen es zum Teil schwierig, eine psychische Störung von normalen Altersveränderungen oder einer körperlichen Erkrankung eindeutig abzugrenzen. Weiterhin muss bei der Diagnose beachtet werden, dass auch manche Medikamente zu psychischen Symptomen, zum Beispiel zu Verwirrtheit oder Vergesslichkeit, führen können.

Eine weitere Besonderheit bei älteren Menschen ist, dass sich viele Körperfunktionen allmählich verändern. Dies führt dazu, dass Psychopharmaka bei ihnen häufig anders oder stärker wirken und andere bzw. stärkere Nebenwirkungen hervorrufen als bei jüngeren Menschen. Da ältere Menschen oft eine ganze Reihe von Medikamenten einnehmen, kommt es außerdem häufiger zu unerwünschten Wechselwirkungen als bei Jüngeren.

Ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung älterer Patienten ist auch, dass die Suizidrate bei älteren Erwachsenen deutlich höher liegt als bei jüngeren. Dies gilt sowohl für Patienten mit einer Depression als auch für die Gesamtgruppe der älteren Erwachsenen.

Welche Besonderheiten sind bei der Behandlung älterer Menschen zu beachten?

Eine Besonderheit bei der Behandlung älteren Menschen mit psychischen Problemen ist, dass bei vielen oft keine „Heilung“, also ein vollständiges Verschwinden der Symptome, möglich ist und deshalb auch in der Therapie nicht angestrebt wird. Stattdessen wird häufig versucht, den momentanen Zustand zu erhalten oder eine gewisse Verbesserung der Symptomatik zu erreichen.

Die Behandlung einer psychischen Erkrankung im Alter wird oft durch verschiedene Faktoren erschwert. So müssen dabei immer auch andere (körperliche) Erkrankungen und die eingenommenen Medikamente berücksichtigt werden. Wenn Psychopharmaka verordnet werden, sollte zunächst mit einer niedrigen Dosierung begonnen und diese erst allmählich gesteigert werden. Dabei sollten die Wirkung und Nebenwirkungen der Medikation regelmäßig kontrolliert werden.

Problematisch bei einer Behandlung ist außerdem oft, dass viele ältere Patienten Probleme beim Sehen oder Hören haben oder in ihrer Beweglichkeit oder Kommunikationsfähigkeit eingeschränkt sind.

Weiterhin sind bei der Behandlung älterer Menschen mit psychischen Problemen oft mehrere Versorgungsansätze notwendig, die sinnvoll miteinander kombiniert werden müssen. Dazu gehören die medikamentöse Behandlung der körperlichen und der psychischen Erkrankungen, psychotherapeutische und soziotherapeutische Ansätze sowie die Versorgung der Patienten im Alltag. Daher müssen hier oft verschiedene Behandlungseinrichtungen eng zusammenarbeiten – zum Beispiel Hausarzt, Psychiater, Psychotherapeut und gerontopsychiatrische Dienste, die leichter erkrankte Patienten langfristig zu Hause betreuen. Bei schwerer erkrankten Patienten sind außerdem teilstationäre und stationäre Einrichtungen an der Versorgung beteiligt.

Ein Problem in der Praxis ist, dass ältere Menschen häufig die vom Arzt verschriebenen Medikamente nicht oder falsch einnehmen – entweder, weil sie sie nicht einnehmen möchten (zum Beispiel wegen tatsächlicher oder befürchteter Nebenwirkungen) oder weil sie mit der Einnahme überfordert sind (zum Beispiel, wenn sie viele Medikamente gleichzeitig einnehmen müssen oder die Verordnung nicht richtig verstehen).

Welche Besonderheiten gibt es bei der Psychotherapie mit älteren Menschen?

Ein Problem bei der psychotherapeutischen Behandlung älterer Menschen ist, dass relativ wenige Therapeuten auf die Arbeit mit älteren Menschen spezialisiert und mit ihren besonderen Lebensumständen vertraut sind. Außerdem nehmen die Betroffenen selbst, aber auch viele Psychotherapeuten an, dass eine Psychotherapie im höheren Lebensalter nur wenig erfolgversprechend ist – dies trifft jedoch in den meisten Fällen nicht zu.

Für ältere Menschen mit psychischen Problemen ist es deshalb wichtig, sich einen Therapeuten zu suchen, der mit der besonderen Situation älterer Menschen vertraut ist. Er sollte bei der Therapie mit älteren Menschen eine positive Erwartung haben und diese den Patienten auch vermitteln.

Wichtig bei der Psychotherapie mit älteren Menschen ist, genau zu überprüfen, welche Veränderungen machbar sind und welche nicht. Der Therapeut muss dabei akzeptieren, dass viele Dinge nicht veränderbar sind oder der Patient sie nicht verändern möchte. So zielt die Therapie – anders als bei jüngeren Patienten – meist weniger auf weitreichende psychische Veränderungen ab. Stattdessen geht der Therapeut eher auf konkrete, alltagsnahe Probleme und Bedürfnissen des Patienten ein. Gleichzeitig sollte der Ablauf der Therapie eher einfach strukturiert sein, um den Patienten nicht zu überfordern.

Ein weiteres wichtiges Ziel in der Therapie ist, gemeinsam mit dem Patienten nach Ressourcen zu suchen und ihn dabei zu unterstützen, seine Probleme aktiv zu bewältigen. Dabei kann der Therapeut immer wieder auf die große Lebenserfahrung des Patienten verweisen, die eine wichtige Ressource ist.

Neben der eigentlichen psychotherapeutischen Behandlung ist es bei älteren Menschen oft notwendig, andere notwendige Unterstützungsmaßnahmen (z. B. durch Angehörige oder Pflegedienste) gemeinsam mit dem Patienten zu planen und in die Wege zu leiten.

Praktische Tipps: Wie findet man Hilfe und Behandlung?

Beim Erkennen von psychischen Erkrankungen älterer Menschen und dem Weiterverweisen an Spezialisten spielt der Hausarzt eine wichtige Rolle. Er sollte feststellen können, ob sich hinter körperlichen Symptomen eine psychische Erkrankung versteckt und z.B. eine Demenz von einer Depression unterscheiden können. Bei Bedarf sollte der Hausarzt den Patienten an den passenden Spezialisten, z.B. Psychiater, Psychotherapeuten oder Neurologen überweisen.

Auch Angehörige und Freunde können eine wichtige Hilfe bei der Aufdeckung und Behandlung psychischer Erkrankungen sein. Sie sollten die Symptome psychischer Störungen ernst nehmen, den Betroffenen bei der Suche nach einem Therapeuten unterstützen und ihn u.U. zum ersten Gespräch beim Therapeuten zu begleiten. Kontraproduktiv ist hingegen die Aufforderung an den Betroffenen, sich weiterhin „zusammen zu reißen“. Enge Angehörige können darüber hinaus auch in die Therapie einbezogen werden.

Welche Ärzte / Therapeuten könnten helfen?

Wo findet man eigentlich den geeigneten Therapeuten?

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 •  Aktualisiert am 17.04.2014